4. Brief an meine Verzweifelte

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Meine Verzweifelte

Bin wieder zu Hause. Das was du nicht kennst. Noch nicht.

Ich meine nicht, dass du kein zu Hause kennst, weil du das wegen mir einfach Jahrelang nicht hattest, durch die vielen Umzüge. sondern ich meine, dass du mein Zuhause nicht kennst. Also noch nicht. Und hoffentlich noch lange nicht. Verstehst du, was ich meine? Du weißt, ich drücke mich oft sehr umständlich aus. Verzeih mir.

Jedenfalls habe ich dich vorhin gesehen, als du meinen Brief aus dem Briefkasten geholt hast. Ich konnte es mir nicht nehmen lassen, dich dabei zu beobachten, deine Reaktion zu sehen. Und deshalb muss ich das gleich in Worte fassen. Ich mache das nun wie du, das habe ich mir abgeschaut, ich scheibe alles auf, was mir durch den Kopf geht. Nachdem ich das jahrelang nicht konnte. Ich bin gar nicht der Schreiber, nur der Denker und Planer.

Aber mein „Straflager“ in der Ukraine hat mich verändert. Du hast mich verändert und dass ich nicht mehr weiß, was du machst, wo du bist, wer oder was dich ärgert, nervt, stört. Es war unvorstellbar unerträglich, aus deinem Leben raus zu sein. Wo es doch das einzige war, was ich immer hatte.

Jetzt hast du mich dazu gebracht zu reden, und auch die Situation, dass ich genau weiß, du wirst nun dank mir kaum noch aus dem Haus gehen, sondern dasitzen und schreiben. Also haben wir ein gemeinsames Leben, wir tun beide dasselbe, wenn auch nicht im selben Raum. Aber du glaubst nicht, wie sehr ich deine Nähe spüre, wie glücklich es mich macht, wieder in deinem Leben zu sein, dir wieder nahe zu sein. Ich konnte und werde nie begreifen, warum du mich so verstoßen konntest.

Ich muss wissen, was du fühlst und was du denkst. Und deine Reaktion musste ich einfach aus direkter Nähe erleben, auch wenn ich mich dafür in Gefahr bringe, da ich ein paar Stunden auf dem Gelände verweilen musste, immer mit Blick auf den Briefkasten. Das kann ich nun nicht mehr machen, und auch meine kurzen Ausflüge in deine Wohnung nicht. Wer weiß, ob da nicht schon jetzt eine Mannschaft lauert, um mich zu finden. Vielleicht nimmt die Polizei das ja doch jetzt ernst. Die größte Gefahr aber ist, dass du oder einer deiner Verwandten, womöglich eins deiner vielen Enkelkinder, mich entdecken und ich auffliege. Es liegt mir fern, jemanden zu erschrecken, und ich kann auch seit einer Weile kaum unentdeckt bleiben. Nicht zuletzt weil ich ebenfalls in die Jahre komme und einfach nicht mehr so schnell unterwegs bin. Daher habe ich unser Spiel nur auf eines zwischen uns beiden verlagert und darauf, dass du mich suchen musst, auch künftige Hinweise werden nicht mehr bei dir direkt zu finden sein- das ist zu riskant.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie unwohl du dich nun in der Wohnung fühlst, jetzt, da du weißt, dass ich dort war. Aber bitte bleib, geh nicht wieder weg, tu mir das nicht an.

Ich habe dich in eine Schockstarre versetzt, und so sollte es auch sein, also rein theoretisch. Du hast eine Strafe verdient, nachdem du mich aus deinem Leben verbannt hast in eine Hölle, aus der ich selbst nicht dachte, jemals wieder heraus zu kommen. Dennoch habe ich es geschafft. Du musst wissen dass ich immer da bin, ich kann nicht einfach irgendwo verrecken, verstanden? Aber ich habe gesehen und verstanden, welchen Schock das ausgelöst hast, als du erst ungläubig zirka fünf Minuten auf den Umschlag gestarrt hast, bevor du ihn geöffnet hast, um dann den zweiten Umschlag zu finden. Du hast gezittert, es war nass und kalt, die Schneeflocken haben beinahe meine Zettel zerstört, wenn du dann nicht doch einen Meter nach rechts unter den Dachvorsprung gegangen wärst. Ich habe deine eiskalten Hände, steif von der Starre und der Kälte, gesehen. Einerseits hat es mir ein selten dagewesenes Gefühl der Befriedigung gegeben, dass du wegen mir offensichtlich zur Salzsäule erstarrt bist. Andererseits war da wieder das alte Gefühl, und ich konnte ich mich tatsächlich kaum in Zaum halten, nicht zu dir zu gehen und dich zu beschützen. Ich bekam Angst, du könntest einfach einfrieren bei der Kälte. Als ich dann sah, dass du offensichtlich alles daran gesetzt hast, dass der Inhalt meines Umschlages unversehrt blieb, war ich beruhigt und glücklich zugleich. Irgendetwas scheine ich dir doch zu bedeuten. Du hättest alles in Stücke zerreißen können, so wie damals die Rosen von mir, mit denen du erst eine Mauer zertrümmern wolltest, und sie dann in den nächsten Mülleimer gepfeffert hast. Ohne die schönen vollen Köpfe und roten und orangenen Blüten, die auf der Straße verteilt lagen.

Und welche ihre Farbspuren auf der Mauer hinterließen, als hätte man dort jemanden abgeschlachtet.

Du hast dann um dich geschaut, wohl in der Hoffnung, mich zu sehen. Konntest du aber zum Glück nicht, da ich mich in eine benachbarte Garage versteckt hatte, deren Scheiben für dich undurchsichtig waren, für mich von der anderen Seite aus jedoch nicht, da ich ein kleines Loch hineingeschlagen hatte, wodurch ich dich mit meinem Fernglas beobachten konnte.

Dann hast du alles wieder zurück in den Umschlag getan, ein Notizzettel fiel dabei auf den Boden, der 7., der wichtigste von allen, denn darauf steht, dass ich dir 8760 Stunden Zeit gebe, mich zu finden, dass du eine Website erstellen sollst, die bis zum 1.2.26 veröffentlicht sein muss und du dann Zeit hast bis spätestens 1.3.27. Dass dir ausgerechnet dieser Zettel runtergefallen ist! Er hätte nass und dadurch unleserlich werden können. Und ich wusste nicht, wie gut dein Gedächtnis noch funktionierte. Nicht, dass du das bis zur Haustür vergessen hättest, und das sind ja ein paar Stufen, um genau zu sein 13. Du hobst den Zettel auf, lehntest dich mit dem Umschlag in der einen, mit der Haftnotiz in der anderen an die Wand hinter dich, neben den Briefkasten. Das ist ein Hallengebäude, etwas schäbig und mit etwas brüchigem Glasfenster. Du hättest dich verletzen können, wenn dort etwas heruntergefallen wäre. Ich wollte durch mein Fenster schreien, „Nein, geh einen Schritt vor!“, aber du hättest mich vermutlich gar nicht hören können auf die Distanz. Oder es wäre nicht bis in dein Gehirn angekommen, das gerade mit etwas anderem beschäftigt war als mit zuhören. Du starrtest weiter auf den Zettel. Und dann, hä? kramtest du ein Handy aus der Jacke, den Zettel nahmst du zum Umschlag in die linke Hand. Was machst du, dachte ich, rufst du schon Hilfe? Ich versuchte das Fernglas so einzustellen, dass ich dein Handy besser sehen konnte. Du entsperrtest es, indem du es vor dich hieltst, ah, Gesichtserkennung, es erkannte dich nicht, du wirktest etwas genervt, klemmtest den Umschlag zwischen deine Beine, die Haftnotiz in den Mund, nahmst das Handy in die linke Hand und tipptest etwas. Ich sah dass du wild auf dem Display tipptest, Mitte, links, etwas runter rechts, unten Mitte, dann oben rechts, Mitte unten, knapp links darüber, dann ganz rechts unten- es schien keine Textnachricht zu sein, auch sah es nicht so aus, als wolltest du jemanden anrufen. Du nahmst den Zettel wieder aus dem Mund, starrtest drauf und tipptest. Taschenrechner, dein Ernst?  Klar, ganz rechts unten ist das = Zeichen. Du rechnest nach? Man weiß doch dass ein Jahr 8760 Tage hat, du bist doch immer der Matheprofi gewesen, oder nicht? Hm, du tippst weiter, guckst wieder auf die Notiz, dann schüttelst du den Kopf.

Und dann, ich kann es kaum glauben, drehst du dich gegen die Wand hinter dir, dort hängt eine Wasserrinne und du trittst wie eine Irre dagegen, sie fällt ab, du schreist, während du trittst, und ich bin kurz davor, zu dir zu kommen. Dann halte ich inne und denke, besser du lässt die Wut raus anstatt in der Kältestarre zu sterben, und lasse dich. Ich spüre deine Wut, deine Verzweiflung. Das Spektakel dauert bestimmt 3 Minuten, die du tobst und schreist. Dein Handy fällt dir aus der Hand. Du nimmst es, dann läufst du die Treppe hoch zum Haus. Ich höre einen Ton, er kommt aus deinem Handy, das du weiterhin verkrampft festhältst, als du fast an der Wohnungstür bist. Ah, das ist das Signal, dass du an der Ring Kamera vorbeigelaufen bist, sie reagiert auf Bewegung- clever, dann sieht man, wer dort langstreunt. Nicht clever, dass hinter dem Haus keine Kamera ist und deine Terrassentür sich leicht öffnen lässt, völlig unbemerkt da du fast im Wald wohnst, in dieser Richtung ist sonst nichts. Vielleicht sollte ich dir schreiben, dass du dort auch eine installieren solltest, damit du mich siehst, falls ich nochmal vorbeikomme.

Wahrscheinlich aber eher selten. Du sollst ja zu mir. Und dabei soll es ja bleiben. Ich bin mir noch unsicher, ob und wann ich dir den Brief schicke. Erst mal abwarten, wie ernst du mich nimmst. Und wie du das mit der Website hinbekommst. Vielleicht melde ich mich dann bei dir. Dann kannst du diesen Brief gerne benutzen. Die Leute sollen ja auch etwas von mir haben, nicht nur du. Du kannst dann auch gerne dazuschreiben, dass dies wohl der längste Brief ist, den dir je ein Mann geschrieben hat.

Dein Igor

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