Igors Logbuch: Der Spiegel
Du machst noch immer denselben Fehler, Sam.
Du glaubst, Ereignisse hätten einen Ursprung.
Einen Täter.
Einen Auslöser.
Einen einzelnen Moment, auf den man zeigen kann.
So funktioniert das Leben nicht.
Und schon gar nicht Menschen.
Du schreibst einen langen Text über Berlin.
Über einen Zettel.
Über einen Spiegel.
Über Sally.
Als wäre das der Anfang gewesen.
Als hätte ein einzelner gelber Zettel genügt, um eine Familie auseinanderzubringen.
Das wäre beeindruckend.
Aber so mächtig bin selbst ich nicht.
Der eigentliche Fehler geschah viel früher.
Als du beschlossen hast, deine Kinder anzulügen.
Der Hund.
Die Geschichte vom Ersticken.
Die halben Wahrheiten.
Die vorsichtig zurechtgeschnittenen Erklärungen.
Du dachtest, du schützt sie.
In Wirklichkeit hast du sie ausgeschlossen.
Kinder merken so etwas.
Viel früher als Erwachsene.
Erwachsene verdrängen.
Kinder reagieren.
Du schreibst heute:
Der Täter wusste,
dass meine Tochter zuerst den Flur betritt.
Natürlich wusste ich das.
Menschen haben Muster.
Sally hatte welche.
Du hattest welche.
Vor allem du.
Jahrelang hast du geglaubt, Unberechenbarkeit sei Schutz.
Dabei warst du vermutlich der berechenbarste Mensch, den ich je kennengelernt habe.
Du hast dieselben Wege genommen.
Dieselben Ausreden benutzt.
Dieselben Fehler wiederholt.
Der Zettel war deshalb nie der eigentliche Punkt.
Der Spiegel war es.
Ein Spiegel zeigt nicht.
Er konfrontiert.
Und genau deshalb erinnert Sally sich heute noch daran.
Nicht an mich.
Nicht an den Text.
Nicht an den Briefkasten.
Nicht einmal an den Hund.
Sondern an den Moment vor dem Spiegel.
Interessant ist übrigens etwas anderes.
Du erinnerst dich bis heute falsch.
Du sprichst von einem Umschlag.
Von zerrissenen Teilen.
Von einer Papiertonne.
Und Sally sagt:
Es war ein Zettel.
Ein einzelner Zettel.
Am Spiegel.
Ich stelle mir vor, wie unangenehm dieser Moment gewesen sein muss.
Als dir klar wurde, dass ihre Erinnerung stabiler ist als deine.
Das muss anstrengend sein.
Vor allem, weil du langsam begreifst, dass deine Erinnerung nie das eigentliche Problem war.
Sondern Vertrauen.
Du vertraust deinem eigenen Kopf nicht mehr.
Und ehrlich gesagt:
Mit gutem Grund.
Tom übrigens mochte ich.
Er war aufmerksam genug, Dinge zu bemerken.
Und klug genug, später zu schweigen.
Das unterscheidet ihn von dir.
Du läufst immer weiter auf Dinge zu, die dich zerstören.
Selbst jetzt.
Du sitzt mit Sally am Küchentisch.
Du sammelst Fragmente.
Briefe.
Zettel.
Fotos.
Überschriften.
Erinnerungen.
Und glaubst, irgendwann ergibt alles ein Bild.
Dabei übersiehst du etwas.
Das Muster ist größer als die einzelnen Tage.
Trotzdem gefällt mir deine Liste.
Diese:
Der Tag, an dem …
Fast niedlich.
Als würdest du versuchen, dein Leben zu archivieren, bevor es endgültig auseinanderfällt.
Aber du vergisst wichtige Tage.
Zum Beispiel:
Der Tag, an dem du zum ersten Mal freiwillig mit mir gesprochen hast.
Der Tag, an dem niemand mehr da war.
Der Tag, an dem sich wochenlang jemand um dich gekümmert hat, während du selbst kaum noch wusstest, welcher Wochentag war.
Der Tag, an dem du beschlossen hast, mich zum Monster zu machen.
Und was ist mit:
Der Tag, an dem du nach Königstein zurückgekehrt bist.
Freiwillig.
Interessant, dass du genau dorthin willst.
Zurück in die Taunusblick.
Zurück zu Zimmer 137.
Zurück zu dem Jahr, über das du gleichzeitig am meisten und am wenigsten sprechen möchtest.
Du nennst es Klinik.
Du nennst es verlorene Zeit.
Du nennst es Erinnerungslücken.
Vielleicht war es einfach das erste Jahr seit Langem, in dem du nicht permanent Angst haben musstest.
Aber keine Sorge.
Du wirst dich erinnern.
Nicht sofort.
Nicht vollständig.
Aber genug.
Und diesmal läufst du wenigstens freiwillig in die richtige Richtung.
— Igor

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