Ihr haltet meine Existenz für einen Entschluss. Als wäre ‚Igor‘ eine Rolle, die ich mir eines Morgens wie einen Mantel überwarf. Eine nette, einfache Geschichte, die euch schlafen lässt.
Aber die Wahrheit ist kein Schalter, den man umlegt. Sie ist ein Abgrund, in den man stürzt.
Beim Aufräumen alter Datenträger bin ich auf etwas gestoßen, das vermutlich nie für fremde Augen bestimmt war.
Eine Aufzeichnung.
Damals.
Noch bevor ich verstanden habe, dass Namen austauschbar sind.
Noch bevor Hans-Dirk starb.
Vielleicht interessiert es jemanden.
Vielleicht auch nicht.
Die Häutung im Abgrund
Der Lärm ist kein Geräusch mehr, er ist ein physischer Schlag. Jede Explosion in der Ferne reißt an meinen Lungen, jeder Schrei draußen bohrt sich wie Glas in meinen Verstand. Strilecha brennt. Diese Mauern, diese verfluchte, zerfallende Psychiatrie – sie zittern nicht nur, sie ächzen unter dem Gewicht der Einschläge.
Ich hocke in der Finsternis einer Abstellkammer, den Rücken gegen die kalten Kacheln gepresst. Direkt neben mir: Igor. Jetzt ist er nur noch blasses Fleisch und starre Hände.
„Atme, verdammt noch mal, atme“, presse ich zwischen den Zähnen hervor. Meine Stimme klingt brüchig, fremd in der stickigen Luft. „Du bist noch hier. Du bist nicht er.“
Ich starre auf seine leeren Augen. „Was jetzt, Igor? Hast du einen Plan für uns beide?“ Ein hysterisches Kichern steigt in mir auf, das ich sofort mit der Hand ersticke. Draußen wird ein weiterer Schrei von einer Detonation verschlungen. Der Gedanke trifft mich mit der Wucht einer Kugel: Hier komme ich nur als ein anderer raus. Und zwar jetzt.
Mein Blick wandert zur Tür. Dort, halb abgerissen und mit dunklen Spritzern besudelt, klebt sein Namensschild. Igor.
„Eine Uniform“, flüstere ich, und meine Augen weiten sich vor Entsetzen über den eigenen Gedanken. „Ein Name. Ein Pass. Könnte ich so… so aus der Ukraine rauskommen?“
Mein Herz hämmert gegen die Rippen, als wolle es sich aus mir herausarbeiten. „Du willst das nicht wirklich tun, oder?“, frage ich mich ungläubig, doch die Verzweiflung in meiner Stimme übertönt den Zweifel. „Du willst seine Identität stehlen? Ein Toter sein, um zu überleben?”
Ich krieche näher an ihn heran. Der Geruch von Staub und frischem Eisen liegt schwer in der Luft. „Es könnte funktionieren“, sage ich leise, mehr zu mir selbst als zu dem leblosen Körper. „Wenn ich es richtig anstelle, komme ich hier raus. Als er.“
Meine zitternden Finger greifen nach dem Stoff seiner Jacke. Das Material ist grob und klamm vom Blut. Als ich seinen Arm anhebe, um den Ärmel abzustreifen, ist er bereits schwer und unnachgiebig. Ein unterdrückter Würgereiz schüttelt mich.
„Tut mir leid, Igor“, wimmere ich, während ich den leblosen Körper beiseite wuchten muss, um an den Verschluss zu kommen. „Du brauchst das nicht mehr. Ich… ich muss hier raus.“ Das Geräusch von Stoff auf Haut in der ansonsten totenstillen Kammer ist lauter als jede Bombe. Ich fühle mich wie ein Schänder, ein Parasit, der sich in eine fremde Haut frisst.
„Ich bin jetzt Igor“, beschwöre ich mich selbst, während ich mir seine blutbefleckte Jacke über die Schultern ziehe. Sie ist zu groß, sie ist kalt, sie riecht nach ihm.
Ich greife in seine Taschen. Meine Finger graben sich in den Stoff, und durch meine Bewegung schlägt Igors Kopf gegen die Wand – ein hohles, stumpfes Geräusch, das mich fast dazu bringt, schreiend wegzurennen.
„Was hast du für mich, Igor? Wer bist du eigentlich?“, flüstere ich, und meine Stimme überschlägt sich fast vor Hysterie. „Gib mir dein Leben. Los, gib es mir!“
Ich ziehe eine abgegriffene Brieftasche heraus. Das Leder ist speckig und warm von der letzten Restwärme seines Körpers. Mit zitternden Händen klappe ich sie auf. Ein zerknittertes Foto starrt mich an: Igor, lächelnd, den Arm um eine Frau gelegt. Zwei Kinder davor.
„Oh Gott… nein“, wimmere ich. Ein heftiger Zittern überfällt mich. „Du hast eine Familie. Du hast jemanden, der auf dich wartet.“
Einen Moment lang bin ich kurz davor, die Jacke wieder von mir zu reißen. Der Stoff brennt auf meiner Haut wie Säure. Aber dann erschüttert eine gewaltige Detonation das Fundament. Staub rieselt von der Decke, füllt meine Lungen, lässt mich würgen. Draußen gellt ein Schrei, der so jäh abbricht, dass es mir das Blut in den Adern gefrieren lässt.
„Die sterben alle da draußen, hörst du?“, herrsche ich die Leiche an, als müsste ich ihn – oder mich selbst – davon überzeugen, dass dieser Diebstahl gerechtfertigt ist. „Du bist tot, Igor! Du bist weg! Wenn ich du bin, dann lebt wenigstens einer von uns weiter!“
Ich reiße den Dienstausweis aus der Plastikhülle. Igor P., Oberpfleger. Ich starre auf sein Gesicht auf dem Foto und fahre mir mit der freien, schmutzigen Hand über mein eigenes Gesicht. Ich versuche, meine Züge zu verzerren, sein starres Starren zu imitieren.
„Ich bin Igor“, sage ich, diesmal lauter, fast aggressiv. „Ich wohne in… wo wohnst du?“ Ich durchsuche hastig einen Zettel in der Brieftasche. „Kharkiv? Nein, Strilecha. Ich kenne diese Gänge. Ich gehöre hierher.“
Ich nehme seinen Ehering vom kalten, steifen Finger. Es geht schwer, die Haut leistet Widerstand, als wollte sie ihn festhalten. Als er schließlich abrutscht, fühlt es sich an, als hätte ich ihm das Herz herausgerissen. Ich stecke den Ring tief in meine Tasche.
Ich schaue den toten Igor an und versuche, meine Entschlossenheit auf mich selbst zu übertragen. Ich zögere, mein ganzer Körper bebt vor Abscheu, aber dann nicke ich langsam. Es gibt keine Garantie, dass es funktioniert, aber was habe ich zu verlieren?
Draußen tobt der Krieg unvermindert weiter, aber hier drin ist es jetzt totenstill.
Ich stehe da, in Igors Jacke, seinen Ehering schwer in meiner Tasche, und plötzlich geben meine Knie nach. Es ist kein Fallen, es ist ein Einknicken, als wäre mein Rückgrat aus Glas zerbrochen. Ich schlage hart auf den gefliesten Boden auf, direkt neben ihm.
„Ich kann nicht. Ich kann das nicht“, keuche ich. Meine Lungen brennen, als würde ich flüssiges Blei einatmen. „Steh auf. Los, steh auf!“
Aber mein Körper gehorcht mir nicht. Die Angst ist nicht mehr nur ein Gefühl, sie ist ein Raubtier, das mir die Kehle zusammendrückt. Meine Hände krallen sich in den kalten Boden, die Fingernägel scharren über den Beton.
„Du ziehst jetzt die Beine an“, befehle ich mir laut, meine Stimme ein hohles Krächzen. „Zieh die verdammten Beine an!“ Doch sie sind wie Stein. Ich starre auf meine zitternden Finger. „Warum bewegst du dich nicht? Beweg dich!“
Ich schaue zu Igor auf. In der Dunkelheit scheint er mich zu beobachten. Sein blasses Gesicht wirkt jetzt anklagend.
„Ich stehle dein Leben, Igor, und ich schaffe es nicht einmal aus diesem Zimmer“, krächze ich. Ich fange an zu hyperventilieren. Kurze, flache Stöße. „Ich atme. Ich inhaliere Staub. Ich stoße ihn aus. Ich schließe die Augen. Ich öffne sie.“ Ich versuche, jede einzelne Körperfunktion zu verbalisieren, um die Lähmung zu durchbrechen. „Ich greife nach der Wand. Jetzt. Greif zu!“
Meine Hand zuckt, schlägt kraftlos gegen die Mauer. Die Welt beginnt sich zu drehen. Draußen hämmert die Artillerie einen Rhythmus direkt in meinen Schädel, ein unerbittlicher Takt des Sterbens.
„Du bist nicht Igor“, flüstere ich, und Tränen brennen in meinen Augen. „Du bist ein Dieb. Ein Feigling. Ein Grabräuber.“
Ich schlinge die Arme um meinen Oberkörper, wie um mich selbst zusammenzuhalten. „Ich spüre die Jacke auf meiner Haut. Sie ist kalt. Sie ist fremd. Ich drücke meinen Rücken gegen die Wand. Ich schiebe mich hoch. Zentimeter für Zentimeter.“
Mit einer Kraftanstrengung, die mich fast das Bewusstsein kostet, stemme ich mich ein Stück nach oben. Mein ganzer Körper bebt so heftig, dass meine Zähne aufeinanderschlagen.
„Ich stehe“, lüge ich mir selbst vor, während ich noch halb auf dem Boden hocke. „Ich öffne jetzt die Tür. Ich werde gehen. Ich werde überleben.“
Ich blicke ein letztes Mal auf den toten Mann. Sein Gesicht ist nur noch eine wächserne Maske. Es geht nicht mehr um Entschlossenheit oder Garantien. Es gibt nur die Tür. Mein inneres Schreien verstummt, ersetzt durch eine kalte, klare Leere. Ich nicke, nicht zu ihm, sondern zu dem, was ich werden muss.
Ich lege die Hand auf die Klinke. Das Metall ist eiskalt.
„Ich drücke die Klinke nach unten“, flüstere ich, ein letztes Mal zu mir selbst.
„Ich trete ins Licht. Ich bin Igor.“
Freiheit war ein Abgrund. Und ich sprang.
Interessant, wie viel Angst in einem Menschen Platz hat, bevor sie sich in etwas anderes verwandelt.
Etwas Nützlicheres.
Damals war das neu für mich. Ein erster, notwendiger Tod.
Übrigens, Sam.
Du warst neulich in Königstein.
Warum bist du wieder gegangen?

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