Strilecha
Viele Menschen schreiben mir derzeit Nachrichten über die Ukraine.
Über die Klinik. Über die Zeit in Strilecha. Manche nennen mich einen Helden.
Eine romantische Vorstellung. Aber Helden sind eine Kategorie für die Toten.
Und ich sitze hier und schreibe Blogbeiträge.
Trotzdem gab es Tage, die man nicht vergisst.
Vor allem mein erster als Igor.
Ich streiche über den Stoff der Uniform. „Igor“. Der Name fühlt sich auf meiner Zunge richtig an. Fast so, als hätte ich ihn schon immer getragen. In Deutschland, in diesem sterilen Leben in Hessen, war ich nur Hans- Dirk. Der Mann, der zu spät kam. Der Junge, der im Flur stand und zusah, wie das Leben aus seiner Mutter wich, unfähig, den Schalter umzulegen, die Blutung zu stoppen, das Schicksal zu biegen.
Aber hier? Hier in Strilecha, im mahlenden Kiefer des Krieges, ist Hans-Dirk gestorben.
Ich ziehe den Dienstausweis hervor und starre auf das Foto des echten Igor. „Du warst schwach“, flüstere ich dem Toten zu. „Du bist gestorben, obwohl du ein Pfleger warst. Du konntest niemanden beschützen.“
Ich schließe die Augen und sehe Sam vor mir. Ich sehe sie in Frankfurt am Main, wie sie vor mir zurückwich, diesen Blick aus Angst und Unverständnis in den Augen, wenn ich sie vor Gefahren warnte, die sie nicht sehen wollte. Sie nannte es Stalking. Ich nannte es Liebe. Ich wollte nur, dass sie sieht: Ohne mich bist du verloren.
Und jetzt? Jetzt habe ich eine offizielle Lizenz zum Retten.
Ein markerschütternder Schrei hallt durch den Keller der Psychiatrie. „Igor! Hilfe!“
Es ist keine Einbildung. Eine der Patientinnen, eine junge Frau mit verfilztem Haar, hat sich in den Trümmern eines eingestürzten Regals eingeklemmt. Blut sickert durch ihren Ärmel.
Ein Zittern läuft durch meine Hände, aber es ist keine Angst. Es ist Euphorie.
Endlich.
Ich renne nicht zu ihr, ich schreite. Ich genieße das Gewicht der Verantwortung.
„Ganz ruhig“, sage ich, und mein Hessisch schwingt nur noch ganz leise in der ukrainischen Dunkelheit mit. „Igor ist hier. Ich werde dich nicht gehen lassen. Niemand stirbt unter meiner Aufsicht.“
Während ich an dem Regal reiße und das Metall in meine Handflächen schneidet, fühle ich mich unbesiegbar. Der Krieg ist kein Hindernis für mich. Er ist die Bühne, auf der Hans-Dirk endlich die Hauptrolle spielt. Sam wird es irgendwann verstehen. Wenn ich erst einmal genug Menschen hier „gerettet“ habe, werde ich zu ihr zurückkehren, als der Held, den sie immer gebraucht hat.
Am nächsten Tag brachte ein Poltern einen neuen Mann in den Keller. Er stellte sich als Dr. Volkov vor, der neue Arzt. Er hatte die zitternden Hände eines Chirurgen, der seine Sicherheit verloren hatte. Ich sah ihn an und wusste: Das ist kein Anführer. Das ist ein Werkzeug. Ich bot meine Hilfe an; er machte mich zu einem Teil seines Teams. Ich blieb.
Wenn Menschen heute Geschichten über diese Zeit erzählen, sprechen sie meistens über Explosionen. Über Granaten. Über Angst.
Ich erinnere mich eher an etwas anderes.
An Entscheidungen. Welcher Patient zuerst?
Ein junger Soldat liegt im Staub des Foyers, sein Bein ein Brei aus Fleisch und Stoff. Volkov bewegt sich auf einen älteren Mann mit einer Kopfwunde zu – ein Anfängerfehler. Ich sehe die fixierten, weiten Pupillen des Alten. Eine verlorene Variable. Ich packe Volkov am Kittel, ziehe ihn zum Soldaten. „Den hier“, brülle ich gegen die Sirene. „Der Junge hat eine Chance. Wenn ich jetzt abbinde, schaffen wir ihn in den OP.“ Volkovs Hände zittern, ein Chirurg, den der Krieg gebrochen hat. Ich aber fühle mich hellwach, knie in das Blut und ignoriere die Einschläge, die das Glas klirren lassen.
Mit einer Präzision, die ich nächtelang an Sam geübt habe – damals, als ich ihre medizinischen Lehrbücher las, um zu wissen, wie ich sie ‚heilen‘ kann –, lege ich das Tourniquet an.
„Du stirbst mir nicht weg“, flüstere ich dem Jungen zu. Er starrt mich an, als wäre ich eine Erscheinung. In seinen Augen bin ich kein Stalker aus Hessen. Ich bin der Mann, der den Tod eigenhändig zurückweist.
Als sein Puls stabil bleibt, klopfe ich Volkov auf die Schulter. Er sieht mich an, als wäre ich sein Retter. Er ahnt nicht, dass ich diesen Moment der totalen Kontrolle über Leben und Tod mehr brauche als der Junge das Blut.
Vielleicht deshalb erinnern sich einige noch an mich.
Nicht weil ich besonders mutig war.
Sondern weil ich selten gezögert habe.
Und manchmal reicht das bereits aus.
Die Kommentare fragen, warum ich blieb, als die anderen Pfleger gingen. Sie verstehen nicht. Deutschland lockte, aber jeder fallende Betonpfeiler klang wie ein Echo aus dem Flur meiner Kindheit. Ich habe einmal in den Augen meiner Mutter gesehen, was passiert, wenn man wegsieht, wenn man den entscheidenden Moment verpasst. Hier, in der Ukraine, habe ich mir geschworen, nicht mehr der Junge zu sein, der nur zusieht. Ich bin derjenige, der hinsieht.
Ich erinnere mich an eine Nacht im November. Ein russischer Angriff hatte den Nordtrakt getroffen. Die Decke kam runter. Alle schrien. Aber da war dieses eine Geräusch – ein leises Kratzen unter den Trümmern. Dr. Volkov sagte: ‚Igor, lass es, das Gebäude ist instabil.‘ Aber ich konnte nicht. Ich habe mit den bloßen Händen gegraben, bis meine Fingernägel brachen und das Blut den Staub dunkel färbte. Nach drei Stunden fand ich ihn: einen kleinen Jungen, vielleicht sechs Jahre alt. Er hielt seinen toten Hund fest.
In diesem Moment, als ich ihn herauszog, wusste ich: Das ist meine Bestimmung. Ich rette das, was andere aufgegeben haben. Sam, erinnerst du dich, wie ich immer gesagt habe, dass ich für dich durchs Feuer gehen würde? In Strilecha habe ich es getan. Jeden Tag.
Ich bin nicht der Mann, für den du mich hältst. Ich bin der Mann, der bleibt, wenn alle anderen rennen. Siehst du es jetzt?“

Kommentar verfassen